Ist die Bewertung/Beurteilung von Vögeln noch zeitgemäß?

Diese Frage bekommt man seit einiger Zeit häufig gestellt, wenn man erwähnt, daß man auch einer derjenigen ist, die sich Zuchtrichter (oder Preisrichter) nach erfolgreicher Prüfung nennen dürfen. Natürlich habe ich mir zu diesem Thema schon lange meine Antworten überlegt, die ich Ihnen heute mitteilen möchte.

 

Selektion

Die Natur hat ihre festen Regeln der Selektion. Alles, was weniger lebenstauglich,ist, fällt der Auslese zum Opfer. In Menschenobhut muß nun irgendwie ein regulierender Faktor bei der Vermehrung der Vögel diese Funktion übernehmen. Fehlt dieser regulierende Faktor, hat bald keine der Arten mehr ihr natürliches Aussehen, und die Dornestikation hat das Lebewesen stark verändert. -Nun haben wir aber viele Vogelarten, die wir nicht domestizieren wollen. Mindestens für diese brauchen wir Züchter, unabhängige, unparteiische Leute, die übers Land fahren und kritisch überwachen, daß die einzelnen Vogelarten noch als Wildform erkennbar bleiben.

Diese Leute nennt man traditionsgemäß Preisrichter oder seit einigen Jahren Zuchtrichter.

Damit ein Zuchtrichter sein Amt gewissenhaft und gut ausüben kann, bedarf es langer Vorbereitung. So legen beide große Vogelzüchter-Organisationen Deutschlands ßen Wert darauf, daß der Weg zum Zuchtrichter Über den erfolgreichen Züchter und Aussteller geht. Entschließt sich ein derart erfolgreich eingestufter Züchter dazu, Zuchtrichter zu werden, folgt die eigentliche Ausbildung.

 

Deren Inhalte sind u. a. auch allgemeine biologische und ornithologische Kenntnisse, soweit sie für die spätere Arbeit nützlich sind. Weiter bekommt der Ztichtrichter-Anwärter auf den verschiedenen Tagungen und Scholarentätigkeit en auch das praktische Rüstzeug vermittelt, wie man Vögel beurteilt. Schließlich bemerkt er, daß sein Auge ebenfalls geschult wird, und daß er gezielt diejenigen Punkte betrachtet, die bei der jeweiligen Art kritisch sind.

 

Vereine

Leider habe ich in meinen nun 25 aktiven Jahren als Zuchtrichter manches Mal fahren müssen, daß Vereine nur eine Person suchten, die beim Verteilen der Ehrenpreise half. Ich denke, hierfür ist der Zuchtrichter nicht erstrangig ausgebildet! Ich verstehe das Amt des Zuchtrichters zuerst einmal so, daß ich meine Meinung über den zu bewertenden Vogel notiere und dabei aussage, wieweit er m. E. noch vom Idealbild entfernt ist. Der weitere Kommentar hängt davon ab, ob es eine domestizierte Vogelart oder eine Wildform ist. Denn nach der Klassifizierung sollte der interessierte Züchter informiert werden, wie er zu besseren Bewertungsergebnissen kommen kann. Für Wildformen heißt das überwiegend, wie er z. B. die Fütterung zur Aufzucht optimiert und wie er eventuell das Schautraining verbessern kann. Bei den Domestizierten heißt oft die erste Antwort, welche Merkmale verbessert werden müssen, z. B. Zeichnung der Zebrafinken, Reinheit der Grundfarbe der Farbenkanarien oder die Form der Haube. Es gilt also, die richtige Ausprägung eines Merkmals gezielt einzusetzen, um die inm Standard gewünschte Form zu erhalten. 

Spätestens hier zeigt sich, daß die Forderung nach dem aktiven Züchten sinnvoll ist. Nur wenn ein Zuchtrichter selbst täglich als Züchter gefordert ist, wird er die notwendigen Kenntnisse zur Weiterbildung der Zücliter besitzen.

 

Schluß

Da gerade die Weiterbildung des Züchters m. E. eines der wesentlichen Vereinsziele ist, müßte bei der Bestellung der Zuchtrichter einiges anders laufen als die Realität zeigt. Gerade der Verein, der nur wenige Selbstzuchtvögel in einer Sparte ausstellt, sollte ganau hierfür einen ausgebildeten Zuchtrichter holen und nicht von einem Zuchtrichter einer anderen Fakultät „mitrichten“ lassen. Ein fachlich versierter Zuchtrichter kann mit seiner einfühlsamen Arbeit die Aufbauarbeit des Vereins unterstützen. Gerade die Züchter, die zu Minderheiten gehören (was übrigens für alle Gruppen gelten kann), sollten ideell besonders stark unterstützt werden. Schließlich lebt eine jede Vogelschau von der Artenvielfalt und dem daraus resultierenden farbenfrohen Bild. Genau dies brauchen wir, um das Laienpublikum ansprechen zu können, das das finanzielle Überleben garantiert.

Aus dem Gesagten geht hervor, daß ein lebendiges Hobby wie die Vogelzucht nur dann weiterbestehen kann, wenn wir auf den Zuchtrichter nicht verzichten. Allerdings muß eingeschränkt werden, daß der Zuchtrichter auch nach unseren bestehenden Regeln ausgebildet wurde und nicht ein selbsternannter Preisverteiler ist.

 Archiv

Neue Genetik ] Yorkshire ] Yorkshire Zucht ] Onyx ] Hauben-Wellensittich ] Kapuzenzeisig-Bericht ] Zoogeographie ] Systematik ] [ Preisrichter ] Siskins ] Lori-Ernährung ] Optimierte Versorgung ] Federbildung ] Guppy Genetik I ] Pelletfütterung ] Fife04 ] Guppy-01 ] Farbe bei Positurkanarien ]