Die Zoogeographie und ihre Auswirkungen auf die Entstehung der Arten

 Wahrscheinlich werden Sie sich fragen, was Geographie mit der Bewertung unserer Vögel zu tun hat. Schließlich wird ein Vogel nach seinem Äußeren und nicht nach seiner Herkunft beurteilt.

Trotzdem gibt es Punkte, die es wichtig erscheinen lassen, dass die Grundlagen der Zoogeographie jedem klar sind, der die Wildformen der Vögel beurteilen will. Hiermit schließe ich bewusst alle Arten Papageien, Prachtfinken, Cardueliden und andere Singvögel ein.

Im Gegensatz zum Zebrafinken, Wellensittich oder Kanarienvogel befassen wir uns mit Formen, die weder vom Menschen „geschaffen“ wurden wie die Domestizierten, noch vom Menschen verändert werden sollen. Das erklärte Ziel der Zucht (oder „Vermehrung“) der Wildvögel ist der Erhalt, nicht die Umformung. Zum Erhalt gehört nicht nur die Kenntnis der Formen als solche, sondern auch deren Variabilität. Auch die Variabilität gehört zum Erscheinungsbild einer Art. Genau hier ist der Punkt, wo wir die Ornithologie mit all ihren Fachbereichen zur Hilfestellung für uns nutzbar machen können. Zur Formenkenntnis gehört das Wissen, wie unterschiedliche Formen entstehen und wie sie sich im Raum verteilen.

 

Die Grundlagen

 Diese Wissenschaft heißt Zoogeographie und forscht darüber, wo eine Tierart vorkommt und warum dort. Dies führt uns bereits zur ersten Definition:

Zoogeographie ist die Wissenschaft, die sich mit der Verteilung der Tierwelt auf der Erde befasst“

Sie gliedert sich in verschiedene Gebiete, von denen uns nur der Bereich der kausalen Zoogeographie interessiert. Sie beschäftigt sich mit den Studien über die detaillierte und exakte Verbreitung einer Art oder Gruppe von Arten.

Hierbei können wir in unserer Zeit nur die momentane Situation festhalten, in nur wenigen Fällen haben wir die Chance, die Veränderung von Arealgrenzen mitzuverfolgen.

Wir sehen also, Areale sind genauso wenig statisch wie die Art selbst. Beispiele von Arealveränderungen sind u. a. der Birkenzeisig, der Girlitz und der Karmingimpel, deren Arealvergrößerung wir seit etwa 100 Jahren nachvollziehen können

 

 Verteilungs-Schemata der Arten

Wovon hängt nun die Verbreitung einer Form ab? Da sind zum einen die abiotischen Faktoren wie Temperatur, Licht und Feuchtigkeit. Sie zusammen ergeben das, was wir die klimatischen Bedingungen nennen. Sie wiederum lassen bestimmte Pflanzenarten wachsen. Diese nun sind die Nahrungs-Grundlagen unserer Körnerfresser. Aber auch bei den Insektenfressern ist die Pflanzenwelt nicht unwichtig. Vielfach sind Vogelarten auf bestimmte Insekten angewiesen. Diese wieder benötigen ihre bestimmten Pflanzen.

Begrenzend für die Verbreitung wirken sich hingegen die Nahrungs- (oder andere) Konkurrenten und die Feinde aus.

Auch die Geographie selbst liefert uns wichtige Erkenntnisse über die Verteilung. Die Erde hat z. B. nicht immer wie heute ausgesehen. Vor mehr als 200 MIO Jahren hingen die Erdmassen zusammen und bildeten den Ur-Kontinent. Durch Drift einzelner Schollen brach dieser Urkontinent auseinander. Zuerst trennten sich die südlichen Teile und erst zum Schluss wanderten die nördlichen Teile auseinander.

Diese unterschiedlich alten Trennungen spiegeln sich am deutlichsten in der Unterteilung der Erde in tiergeographische Regionen wider. Diese decken sich übrigens fast vollständig mit den Floren-Regionen. Eine Ausnahme bildet hier nur die Capensis, deren Sonderstellung nur in der Geobotanik gefestigt ist.

Die wechselhafte Geschichte der Erde hat natürlich auch ihre Tücken. In nicht allzu ferner Vergangenheit hat z. B. auch die letzte (wie jede) Eiszeit das Verbreitungsmuster stark durcheinander gebracht. Schließlich ergaben sich durch die Eiszeit neue Wege und besondere Rückzuggebiete, die wir nur durch das Wandern des Eises und den Wechsel der klimatischen Bedingungen erklären können.

 Zum Schluss tragen die einzelnen Tierarten selbst zur neuen Verbreitung bei. Einige Arten sind fast so sesshaft wie Pflanzen, andere hingegen haben einen sehr hohen Grad an Mobilität. Hierzu gehören nun einmal die Vögel. Für sie ist es relativ leicht, auch größere Entfernungen zwischen Festland und Inseln zu überwinden. Hierfür sind die Darwinfinken das beste (und wohl meistzitierte) Beispiel.

 

Die Klima-Regeln

Neben diesen generellen Verbreitungsmustern gibt es weitere, die im Bereich der Feinsystematik unterhalb des Artniveaus die verschiedenen Formen strukturieren. Zu ihnen gehören die verschiedenen Klima-Regeln. Obwohl die Vögel zu den gleichwarmen Tieren gehören, deren Körpertemperatur nicht von der Umwelt bestimmt wird, gibt es gesetzmäßige Zusammenhänge zwischen den Klimafaktoren und verschiedenen Körperfunktionen.

Die wohl bekannteste und meistzitierte ist die

1. Klima-Regel: Bergmann’sche Regel: Die Körpergröße nimmt zu, wenn die Art sich zu den kälteren Regionen ausdehnt. Volumen : Oberfläche 1³ = 1²  aber 2³ > 2²  (8>4)!!              
Dies gilt für die Verbreitung Richtung Pol oder in die höheren Regionen!

Dahinter verbirgt sich, dass bei relativer Abnahme der Körperoberfläche der Wärmeverlust zur Umgebung abnimmt und deshalb der Organismus weniger Nahrung benötigt, um die gleichwarme Körpertemperatur zu erhalten.

Auch bei der zweiten Gesetzmäßigkeit ist das Vermeiden von Wärme- und somit Energieverlusten das Ziel.

2. Klima-Regel: Allan’sche Regel: Die Körperanhänge/Extremitäten nehmen zu den kälteren Regionen hin ab!! (Vermeidung des Wärmeverlustes bei z. B. Beinen)              
Dies gilt für die Verbreitung Richtung Pol oder in die höheren Regionen!

Die Extremitäten sind logischerweise schlechter gegen Wärmeverlust geschützt (Läufe unbefiedert!!) und reduzieren deshalb bei geringerer Länge diesen Energieverlust.

Die dritte und für uns letzte Gesetzmäßigkeit zielt weniger auf den Energiehaushalt als auf die umgekehrte Gefahr von Überhitzung. Es leuchtet ein, dass wärmere Gebiete natürlich durch höhere Sonneneinstrahlung gekennzeichnet sind. Die höhere Einstrahlung bringt aber auch Gefahren, die wir Menschen z. B. als Sonnenbrand kennen.

3. Klima-Regel: Gloger’sche Regel: In wärmeren und feuchteren Gebieten nimmt die Pigmentierung zu!
Beispiel ist der „Polarbirkenzeisig“!

Eine stärkere Pigmentierung löst das Problem, denn dunkle Pigmente „schlucken“ die Strahlung. Die sehr häufig auffindbaren blassen Wüstenformen („Isabellschmätzer“ u. a.) scheinen das Gegenteil zu beweisen, doch tritt hier vor allem die bessere Schutzfärbung („blasses“ Kleid = „sandfarben“) als Selektionsvorteil auf.

 

Warum kommen verschiedene Gruppen (Gattungen) nur in der Alten oder in der Neuen Welt vor?

Dies ist zum einen über die stammesgeschichtliche Entwicklung zu erklären. Man geht in der modernen Systematik bekanntlich von Verwandtschaftsgraden aus. Verwandt kann aber nur sein, was einen gemeinsamen Vorfahren hat. Damit sind Formen umso näher verwandt, je geringer der zeitliche Abstand zu ihrem gemeinsamen Vorfahren ist ( siehe hierzu den Teil „Ornithologische Systematik“). Zwei nahe verwandte Formen müssen demnach auch räumlich nahe beieinander wohnen. Dies soll an einem Beispiel erklärt werden.

Die Aufnahme von Nektar aus den Blütenpflanzen ist bei zwei verschiedenen Gruppen Nahrungsgrundlage, bei den Nektarvögeln und bei den Kolibris. Erstere leben in Afrika, letztere im amerikanischen Raum. Wenn man nun den Bau des Schnabels und die Nahrungsgewohnheiten als einzige Entscheidungsgrundlage benutzt, könnte man fälschlicher­weise schließen, dass beide Formen einen direkten gemeinsamen Vorfahren haben müssten. In Wirklichkeit ist es aber so, dass beide Formen nicht nur zu unterschiedlichen Familien, sondern sogar zu unterschiedlichen Ordnungen gehören. Dabei haben die Trochiliformes ihre nächsten Verwandten in der Gruppe der Apodiformes (Seglerartige), die Nectariniidae dagegen sing eine Gruppe innerhalb der Sperlingsartigen, den Passeriformes. Die Zoogeographie gibt uns, neben verschiedenen anatomischen Merkmalen, einen weiteren Hinweis auf diese Sichtweise: die beiden Kontinente, auf denen die beiden Gruppen vorkommen, sind bereits seit so vielen Jahrmillionen getrennt, dass eine nähere Ver­wandtschaft ausgeschlossen ist.

Zum anderen hängt natürlich die Verbreitung der Arten auch mit ihren Nahrungsbedürfnissen zusammen. Nur ist dieser Zusammenhang oft nur sekundär. Vielfach kann man annehmen, dass sich Nahrungsansprüche und Nahrungsangebote parallel entwickelt haben. Schließlich hängt auch das Vorkommen der Pflanzen von geographischen Faktoren ab. Dies führt aber in diesem Aufsatz zu weit.

 

Wieso sind bei einigen Arten die Unterarten auf der gesamten Holarktis verteilt?

Hier nun kommt die Geographie voll zu ihrem Recht. Wir erinnern uns, dass die Urkontinente vor etwas mehr als 200 Millionen Jahren noch zusammenhingen und erst langsam von der Südhalbkugel zur Nordhalbkugel sich trennten. Die höheren Taxa der Systematik wurden demnach schon früh voneinander getrennt. Nur die unteren Taxa hatten noch länger Gelegenheit, untereinander freien Genaustausch vorzunehmen.

Aber ein weiterer Grund liegt vor, warum z. B. gerade in der Holarktis viele Arten in differenzierten Unterarten gemeinsam vorkommen: Die vier Eiszeiten, und hier vor allem die letzte, die erst vor rund 10.000 Jahren endete.

Während der Eiszeiten wurde viel Wasser gebunden. Damit sank der Wasserspiegel auf der gesamten Erde teilweise so stark, daß geringere Wassertiefen plötzlich trockenfielen und zu begehbaren Landteilen wurden. Dies ist nachweislich in der Beringstraße zwischen Alaska und Sibirien geschehen. Über solche Landbrücken konnten dabei viele beweg­lichere Arten ungehindert in neue Regionen vorstoßen. Von der Zeit, als dann das Eis wieder schmolz und die Länder wieder voneinander trennte, blieb bis zum heutigen Tag genügend Möglichkeit, unterschiedliche Merkmale auszuprägen und somit als eigenständige Unterarten erkannt zu werden. Über solche Landbrücken müssen z. B. auch die frühen Cardueliden vom eurasischen auf den amerikanischen Kontinent übersiedelt haben. Da dies aber wohl in einer der früheren Eiszeit abgelaufen ist, reichte die Zeit, um Artstatus zu erreichen.

Andere Regionen sind sogar mehrfach aus verschiedenen Richtungen immer wieder besiedelt worden, wie der indonesische Raum, der deshalb oft als „Wallacea“ besondere Aufmerksamkeit bei den Forschern genießt.

 

Schluß

Sie sehen also, dass die Zoogeographie ein wichtiger Bestandteil ist, um Systematik und mit der Systematik die For­menvielfalt zu verstehen.

Selbstverständlich kann in einem solchen Referat nicht die gesamte Thematik der Zoogeographie behandelt werden. Es lohnt sich also, bei Interesse in dieser Thematik weitere Literatur zu bemühen.

 

Literatur

De Lattin, G. (1967): Grundriß der Zoogeographie    Jena

Illies, J. (1972): Tiergeographie    Braunschweig

Müller, P. (1977): Tiergeographie    München

Thenius, E. (1969): Phylogenie der Mammalia  -  Stammesgeschichte der Säugetiere    Berlin

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