Der Yorkshire Kanarienvogel

Teil 3

Der Yorkshire in der Zucht

 In den beiden vorausgegangenen Artikeln in den AZN habe ich versucht, den Yorkshire als Schauvogel zu betrachten. Hierbei kommen zwangsweise die einzelnen Bewertungspositionen sehr stark in den Vordergrund. Bewertungen sind der Abschluß einer erfolgreichen Zucht, und in der Zucht gibt es für jede Kanarienvogelrasse Abweichungen, die in diesem Artikel beschrieben werden sollen.

  

Selektion

Vor einer Zucht steht die Auswahl (= Selektion) entweder der zu erwerbenden Tiere oder derjenigen Tiere, die man für die weitere Zucht halten will. Dies ist sicher die schwierigste Passage, für Beginner erst recht. Er verläßt sich am besten auf den Verkäufer seines Vertrauens. Es gibt genug gute Züchter, die dem Anfänger gerne und korrekt weiterhelfen.

Dem Anfänger möchte ich raten, nicht unbedingt im ersten Jahr beim besten Züchter die besten Tiere zu erwerben. Meine Erfahrungen in vielen Gesprächen haben gezeigt, daß zu schnell Enttäuschung eintritt, weil die Nachzuchten nicht die gewünschten Merkmale haben. Dies hat viel damit zu tun, daß je höher die Qualität der Tiere ist, um so größer die Gefahr ist, die „Feinheiten“ zu übersehen, deren Fehlverpaarungen aber den größten Schaden anrichten können.

Zum anderen ist es lehrreicher, mit „nur“ guten Tieren zu starten und dann Schritt für Schritt die Qualität zu steigern – aus eigener Kraft. Man gewinnt etwas unbezahlbares: Gespür für die Rasse. Und ein solcher Stamm ist wesentlich erbfester als einer, der jedes Jahr nur durch Zukauf aufrecht erhalten werden kann.

Auf welche Rasse-Merkmale nun besonders geachtet werden muß, ergibt sich zum großen Teil aus der Bewertungsskala und dem Standard. Es ist nicht ein einzelnes Merkmal, das im Vordergrund steht, sondern es sind mehrere gleichrangige.

Davon fällt allerdings dasjenige der Federqualität am meisten auf. Diese Federqualität ist sowohl von der richtigen Verpaarung als auch von der Behandlung der Vögel abhängig. Wie im vorherigen Artikel beschrieben darf das Federwerk nicht zu lang sein. Vor allem wenn das Großgefieder zu lang ist, kann die gewünschte Haltung (Position) nicht erbracht werden:

Ein zu langes Kleingefieder kann leicht zu einem losen und unkontrollierbaren Gefieder führen. Im Endstadium ist die Gefahr zu ‚lumps’ sehr groß. In den seltensten Fällen führt jedoch das lose weiche Gefieder alleine zu dieser Federentartung. Es gehört immer auch die falsche Behandlung der Vögel hinzu. Unzureichende Fütterung zur Mauserzeit, häufiges Umsetzen in andere Käfige/Volieren oder häufiges Rupfen durch andere Insassen ist der eigentliche Auslöser.

 Zum perfekten Ausgleich in der Variabilität des Federwerkes gehört auch der Einsatz der unterschiedlichen Farben. Wer nur Aufgehellte oder nur Melaninvögel züchten möchte, fährt seine Zucht über kurz oder lang „an die Wand“ und kann seinen Zuchtstamm nicht ohne regelmäßige Neuzufuhr halten. Gerade der Wechsel zwischen Aufgehellten, Melaninvögeln und Schecken hält die Federtextur länger im gewünschten Grad.

Braune Yorkshire sind in diesem Zusammenhang besonders gut unter Kontrolle zu halten. Die gelegentliche Hereinnahme verspricht für Stämme mit hartem Federwerk den schnellen Ausgleich. Nur ein Zuviel an braunfarbenen sollte man vermeiden. Vögel aus diesen Stämmen brauchen intensive Beachtung, weil dies sehr leicht zu einem zu seichten Gefieder führen kann. Es bedeutet also, in diesem Fall noch stärker auf Verwendung von hartfiedrigen Tieren zurückzugreifen.

Ein Problemfall ähnlicher Art ist der Weißfaktor. Zwar gab es wohl früher auch rezessiv weiße Yorkshire, doch diejenigen, die man heute sieht, gehören ausnahmslos zur dominant weißen Spielart. Deshalb ist zuallererst die allgemeingültige Regel der Verpaarung weißgrundiger mit farbigen zu beachten. Was die weißgrundigen kompliziert macht, ist daß der noch nicht so erfahrene Züchter meist die Intensität seiner Vögel verkennt. Sie aber ist die Grundlage für die Entscheidung, einen schimmel oder einen intensiven farbigen Vogel mit dem weißgrundigen zu verpaaren. Dazu kommt, daß im Vergleich der weiße die einzelnen Federtexturen vollkommen anders zeigt als der gelbe/gescheckte. Aus all diesen Gründen rate ich den noch nicht so erfahrenen Züchtern von weißgrundigen Yorkshirekanarien ab und empfehle, erst die „Grundausbildung“ bei den anderen Farbvarianten zu absolvieren. Entscheidend ist auch, daß es nur eine Handvoll Züchter gibt, die ansprechende weiße Yorkshire züchten. Dies gilt übrigens auch für unsere Nachbarländer.

 Leider verführt unser Schausystem auf den unteren Ebenen mit seinen starken Einschränkungen in Kollektionen viel zu stark zur ‚Monokultur’ der Farben. Auf internationaler Ebene gab es gar den Vorschlag, daß Vögel in einer Kollektion z. B. in der Scheckung im gleichen Bereich (z. B. zwischen 20 % und 30 %) liegen sollten. Dies hätte bedeutet, daß helle und dunkle Schecken nicht mehr zusammen als Kollektion hätten ausgestellt werden können.

Solche Forderungen führen entweder zu Großzuchten oder aber dazu, daß die meisten normalgroßen Zuchten über kurz oder lang zugrunde ‚gezüchtet’ werden.

Für mich fehlt deshalb schon lange (übrigens für die Mehrzahl der Positurkanarienrassen auch) eine Möglichkeit, in der es erlaubt sein muß, alle Farbvarianten in eine Kollektion zu stellen. Maßgebend sollte der Rassewert der Vögel sein, und der ist bekanntlich nicht an Farbmerkmale gekoppelt.

  

Eigenheiten in der Zucht

Zu diesen Eigenheiten (oder speziellen Dingen) rechne ich z. B., daß man größere Zuchtkäfige verwenden sollte. Für mich ist das mindeste Maß bei 60 x 40 x 50 cm [L x B x H] zu sehen. Diese Grundfläche läßt auch zwei Yorkshire Kanarien auf Dauer genügend Platz, und die Höhe hindert das Männchen nicht, wenn es das Weibchen befliegt. Natürlich setze ich auch etwas stärkere Sitzstangen ein, die schon auf die Sitzstangenstärke im Schaukäfig vorbereiten.

zwei hoffnungsvolle Jungvögel aus 2003, die schon recht gute Typ-Eigenschaften erkennen lassen Beweis für die Elterneigenschaften beim Yorkshire Kanarienvogel
Das Weibchen hat die zweite Bruit bereits begonnen, dennoch wird die erste noch gut versorgt

Und selbstverständlich benötigt der Yorkshire auch ein größeres Nest, in dem die Jungvögel genügend Platz haben.

Allen üblen Nachreden zum Trotz: Auch Yorkshire Kanarien können hervorragende Elterneigenschaften besitzen. Eine generelle Ammenzucht ist deshalb unsinnig. Trotzdem ist es hilfreich, wenn man einige Weibchen (auch von anderen Rassen) hat, bei denen man zur Not auch einmal Jungtiere „parken“ kann. Manch ein Yorkshire-Weibchen benötigt auch nur kleinere Hilfen, um anschließend seine Elternpflichten vorbildlich zu erfüllen. So ist bei manchen Weibchen, die zum ersten Mal Junge haben, das Auslösen des Schlüsselreizes zum Füttern schon zu erreichen, wenn man anstelle der Frischgeschlüpften ältere Junge unterlegt, die einen stärkeren Bettelreiz ausüben. Nach ein bis zwei Tagen kann man dann wieder die eigenen Jungen unterlegen, es wird problemlos gefüttert.

Aber auch bei ganz versierten Weibchen kommt es gelegentlich zu Problemen, bei denen man schnell eingreifen muß. So zeigen Jungvögel zwischen dem 24. und 26. Lebenstag oft ein sehr merkwürdiges Verhalten. Man hört sie intensiv betteln, aber kommt der Altvogel und will füttern, weigert sich das Junge, den Schnabel auch zu öffnen. Nach mehreren Fehlversuchen gibt der Altvogel dann auf und der Jungvogel verhungert. In den mir bekannten Fällen war dies auf Wassermangel zurückzuführen, mit der Nahrung wurde zuwenig Flüssigkeit übergeben und das Junge konnte noch nicht an das Trinkgefäß (Röhrchen oder Hamstertränke) herankommen. Wenn ich so etwas bemerke, es ist immer auch ein ganz spezieller Bettellaut damit verbunden, stelle ich umgehend ein flaches Wassergefäß auf den Käfigboden. Ist die Austrocknung schon weiter fortgeschritten, gibt man einige Tropfen Wasser direkt in/an den Schnabel. Damit lassen sich diese Jungtiere immer retten.

Das Absetzen darf nicht zu früh geschehen. Erst ab dem 31. Tag kann man je nach Entwicklung der Jungtiere damit rechnen. Bei manchen Jungen habe ich auch schon 35 und sogar schon 40 Tage mit dem Absetzen gewartet. Oft fangen junge Yorkshire spät mit der Aufnahme von Körnerfutter an.

Zum Absetzen kommen sie bei mir in einen allseits offenen Käfig, der in der Raummitte steht, zum Einsatz. Hier ist zu Anfang auch ein Wassergefäß innen zusätzlich angebracht. In jeweils separaten Näpfen ist neben Körner-Mischfutter auch Perilla, Keimfutter und Aufzuchtfutter angeboten. Perilla gibt es allerdings nur in kleineren Mengen. Sie ist gerade für die noch nicht ganz ausgehärteten Schnäbel recht leicht zu schälen und bringt als Ölsaat einen höheren Energieeintrag. Damit verhindert man, daß die frisch abgesetzten Jungvögel zu sehr an Gewicht verlieren.

Spätestens (wenn nicht schon zur Nestlingszeit) ab diesem Zeitpunkt gibt es das Aufzuchtfutter mit Carotinen, bei deren Dosierung ich allerdings auf die Hälfte der vom Vertreiber empfohlenen Menge reduziert habe. Es steht zwar jedem frei, wie er Farbe füttert, aber schließlich wird nicht die Farbtiefe, sondern die Gleichmäßigkeit der Fettfarbe in der Bewertung mit einbezogen. Und hierfür genügt es, wenn man ein schönes orange erreicht. Ob man nun schon im Nest bzw. während der gesamten Zuchtperiode füttert oder erst nach dem Absetzen, ist ohne Bedeutung, da bei der Beurteilung der Farbe das Großgefieder nicht berücksichtigt wird. Es darf demnach einen etwas anderen Farbton haben als das Kleingefieder. Wichtig ist nur, daß die Farbfütterung immer mit derselben Menge und zwar täglich erfolgt. Erst nach der letzten Bewertung kann man dann mit der Farbfütterung aufhören.

  

Fütterung

Natürlich ist das Grundfutter eine Kanarienmischung, und zwar seit einiger Zeit die sogenannte ‚Kanarien Züchtermischung ohne Rübsen’ von Versele Laga. Nach meinen Erfahrungen ist es unerheblich, ob man ‚mit’ oder ‚ohne’ Rübsen füttert, beides habe ich nun über viele Jahre ausprobiert und keinerlei Unterschiede feststellen können. Bei mir hat die Verwendung der oben genannten Mischung nur einen logistischen Grund. Insgesamt ist die Mischung gut ausgewogen, der Fettanteil ist nicht zu hoch und die Vielfalt bekommt den Kanarien hervorragend.

Diese Mischung gibt es als Basis ganzjährig, wobei nach der Mauser bis zum Zuchtbeginn noch Glanz und Haferbruch zugesetzt werden.

Etwa 10 Wochen vor dem Einsetzen der Tiere zur Zucht gibt es Aufzuchtfutter, zuerst zweimal pro Woche, dann alle 2 Tage und schließlich täglich. Hier verwende ich das ‚TopVit komplett’ der Fa. Claus. Es enthält einen aufgewerteten Eiweißanteil, essentielle Fettsäuren und weitere Mineralien für den Aufbau, gerade auch den der Federn, wie es für die gesunde Ernährung von größeren Positurkanarienrassen unerläßlich ist.

Diesem Aufzuchtfutter wird ab ca. 2 Wochen vor dem Legebeginn die in England schon lange gebräuchliche Carotinmischung (Carophyl yellow + Carophyll red) beigemischt. Seit einiger Zeit füttere ich diese durchgehend bei den gelbgrundigen Vögeln. Die Paare mit weißgrundigen Partnern dagegen erhalten dasselbe Aufzuchtfutter jedoch ohne Carotinzusatz. Dieses Aufzuchtfutter gibt es dann bis zur letzten Ausstellung (siehe oben). Danach werden dann auch die letzten Vögel in die Ruhephase geführt.

  

Schautraining und Schauvorbereitung

Früher glaubte man, daß die besondere Haltung des Yorkshire langwierig und mühsam trainiert werden muß. Heute weiß man, daß eine gute Haltung (= Position) bereits mit den Genen von den Vorfahren übertragen wird. Schon recht früh erkennt man deshalb, welches der Jungtiere später einmal die geforderte Position einnimmt. Wie schon oben angesprochen, gilt dies vor allem für das Tragen des Schwanzgefieders. In Kombination mit der Gefiederlänge ist dieses Merkmal entweder vorhanden oder man bekommt es auch durch Training nicht hin.

Deshalb sehe ich unter diesem Punkt auch fast ausschließlich die Frage der Gewöhnung an den Schaukäfig und an die besondere Situation während der Bewertung.

Trainingsstufe 1 schon während der Mauser Bereitwillig gehen die Jungvögel in den Schaukäfig

Das Training beginnt bei mir, nachdem die Jungtiere im bereits genannten offenen Käfig klar und deutlich futterfest sind. Dann, etwa im Alter von 45 Tagen, setze ich sie bereits in kleine Gruppen in einen Käfig, der aus zwei Zuchtkäfigen besteht und somit eine Länge von 120 cm hat. An einer der Seiten wird schon jetzt ein alter Schaukäfig angehängt, in dem nichts außergewöhnliches ist, nur Bodenbelag. Alleine die Neugier treibt die Jungvögel hier hinein, und das ist bereits nach wenigen Tagen zu beobachten. Jetzt heißt es allerdings, Vorsicht zu zeigen. In der ersten Zeit vermeide ich hektische Bewegungen, sobald ein Vogel in einem solchen Käfig sitzt. Erst nach 2 bis 3 Wochen gehe ich dann langsam auf einen Käfig zu. Als nächstes halte ich eine Hand davor, und schließlich, wenn die Jungen keinerlei Scheu oder Nervosität mehr zeigen, nehme ich einen solchen Käfig mit Insasse ab. Zuerst nur, um mit dem Käfig ein paar Schritte zu gehen, später aber wird der Käfig dann auf ein extra Regal gestellt oder an einer Stange aufgehängt, der Vogel bleibt für eine kurze Zeit darin. Dieses Stadium erreiche ich noch, bevor die Jungtiere ganz durchgemausert haben. Damit verbleibt zwischen Mauserabschluß und erster Schau noch genügend Zeit, die Vögel an die Schauatmosphäre zu gewöhnen. Dafür sind dann die Besucher und Familienmitglieder mitverantwortlich. Wesentlich ist dabei nur eines: Niemals (!!) den Vogel im Schaukäfig anfassen. Der Schaukäfig muß für den Vogel bedeuten, daß dies ein Ort ist, an dem er sich sicher fühlen kann. Deshalb lasse ich Vögel auch grundsätzlich erst einmal in den Flugkäfig umspringen, bevor ich ihn mit der Hand greife.

Übrigens vermeide ich weitgehend, mit der Hand die Vögel in irgend einer Form zu erschrecken. Dazu gehört als letztes auch, daß man den Schaukäfig möglichst wenig am oberen Teil greift. Wie beim Border, so wird auch der Yorkshire-Schaukäfig unten am Holzteil angefaßt.

Jede Beurteilung, ob zu Hause oder auf der Schau, sollte immer in Augenhöhe vorgenommen werden. Wenn die Sitzstangen in etwa in der Höhe der Augen sind, der Käfig auch noch diagonal steht, dann hat man schnell einen sicheren Blick über die Qualität des vorstehenden Vogels gewonnen. Und schließlich entscheidet die Qualität über seinen Verbleib in der eigenen Zucht – und erst recht über einen eventuellen Schauerfolg.

 

 

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