Grundzüge der Systematik und ihre Auswirkungen auf die Bewertung unserer Vögel

 

Geschichte der Systematik

Die Ursprünge der Systematik werden gerne bei Aristoteles, ca. 350 v. Chr. gesehen, der bereits viele Naturformen be­schrieb und klassifizierte. Die nächsten Jahrtausende brachten einen vielfachen Wandel in der Zielsetzung der Systematik.

Unser heutiges System ist auf der Arbeit Linnées (Systema naturae Þ Systematik) aufgebaut. Linnée führte außerdem die Binäre Nomenklatur (zweiteilige Namensgebung) ein. Dieser wissenschaftliche Name sollte ein Lebewesen kurz und prägnant charakterisieren und somit eine Art „Eselsbrücke“ für denjenigen sein, der sich mit den Naturwissen­schaften befaßt. Allen älteren Systematikern ist gemeinsam, daß sie alles nur nach äußeren Ähnlichkeiten ordneten und noch nichts von dem wußten, was wir heute „Verwandtschaft“ nennen.

Erst mit Hartert (ca. 1900) kam der dritte Name hinzu. Diese drei Namen sagen aus:

                1. Gattung

                2. Art

                3. nur bei der Notwendigkeit Unterart (dann wird einmal der Artname doppelt 
                    gebraucht = Nominatform).

Diese wissenschaftlichen Sachverhalte haben auch ihre Auswirkungen auf unsere Züchtungsbemühungen. Daher denke ich, ist es wichtig, einem breiteren Publikum die Zusammenhänge innerhalb der Systematik zu erläutern. Ein weiterer Aspekt ist, daß man gerne von „Artenreinheit“ und „Unterartenreinheit“ redet.

 

Aufgaben der Systematik

Ursprünglich war es nur die Suche nach einer natürlichen Ordnung und ihrer Klassifikation im Sinne von einem Bestimmungsschlüssel. Schon bald war man mit dieser Einteilung nicht mehr zufrieden. Man glaubte, einen bestimmten Plan in diesen abgestuften Ähnlichkeiten wiederzuerkennen und diesen Plan auf die zu jener Zeit vielzähligen neuentdeckten Tierarten projizieren zu können. Dann kam die Zeit Darwins, der die Arten als durch Evolution entstanden betrachtete. Evolution bedeutet, es gibt gemeinsame Vorfahren. Je näher dieser gemeinsame Vorfahre zweier Lebens­formen steht, umso näher verwandt sind diese. Umgekehrt kann man oft aus Ähnlichkeiten auf eine nahe Verwandtschaft schließen (man muß nur den sogenannten Zirkelschluß vermeiden!).

Mit dem Erkennen, daß Ähnlichkeiten im Äußeren auf gemeinsame Vorfahren zurückzuführen sind, kam die völlig neue Aufgabe der Systematik auf. Lange Zeit suchte man nach Homologien, d. h., Ähnlichkeiten aufgrund naher und nächster Verwandtschaft. Die moderne Systematik geht noch weiter. Die auf Hennig (1982, bzw. 1960) basierende Phylogenetische Systematik konkretisiert sogar noch die Homologiekriterien, indem nur diejenigen für systematische Schlußfolgerungen relevant sind, die als gemeinsam abgeleitet erkannt werden. Die anderen, die ursprünglichen Merkmale, bleiben unberücksichtigt. Das Ergebnis ist eine Hierarchie der Verwandtschaft, die in ihrem Optimum eine dichotome (zweiwegige) Verzweigung zeigt:

                - 2 Arten können zu einer Superspezies

                - 2 Superspezies können zu einer Untergattung

                - 2 Untergattungen können zu einer Gattung zusammengezogen werden (u.s.w.).

Für die Nomenklatur sind nur die Art und die Gattung maßgebend, alle anderen Ebenen werden in Diagrammen dargestellt (s. z. B. Wolters, 1983). 

Eine Phylogenetische Systematik führt natürlich zu einer Vielzahl anerkannter Gattungen, da nur so der Verwandtschaftsgrad auch aufgezeigt werden kann.

 

Definitionen

An dieser Stelle ist es notwendig, einige Begriffe zu klären, mit einer Definition zu versehen, damit man weiß, über was wir letztlich reden.

Die zentrale Stellung, gewissermaßen die Urzelle, gehört der Art. Es gibt viele Varianten von Artdefinitionen, jede hat ihre Tücken, da so gut wie keine auf die gesamte lebendige Welt anwendbar ist. Daher möchte ich hier die halb­wissenschaftliche Formulierung von Frau Dr. Renate van den Elzen, Museum A. Koenig, Bonn, wiedergeben:

„Was sich paart, ist Art“. Dahinter steht die Aussage, daß nur Lebewesen derselben Art sich unter natürlichen Bedingungen und uneingeschränkt paaren und wiederum unbegrenzt fruchtbare Nachkommen hervorbringen können. Nun ist es natürlich nicht möglich, daß der sibirische Stieglitz direkt auf den spanischen trifft und Nachkommen hat. Demnach könnte man beide Formen als eigene Art ansehen. Doch da zwischen allen benachbarten Populationen ungehindert Nachkommen gezeugt werden, sieht man auch die End- und Eckpopulationen in einem solchen Fall als zu einer Art gehörend an.

Die Verschiedenheit innerhalb einer Art hat auch einen Namen, der leider in den meisten populären Abhandlungen falsch gebraucht wird. Die Untergliederung einer Art wird nicht Rasse genannt. Dieser Begriff soll nur bei vom Menschen geschaffenen Differenzierungen benutzt werden und ist somit für die Haustier-Formen alleine zu verwenden. Der für die Systematik richtige Begriff natürlicher Arten-Untergliederungen ist Unterart (oder in der Fachsprache Subspezies) und soll auch nur hier eingesetzt werden.

 

Unterartengliederung

Im Gegensatz zur Art ist die subspezifische (= unterhalb der Kategorie Art) Untergliederung nicht unbedingt auf die Stammesgeschichte der Lebewesen zurückzuführen. Bleiben wir einmal bei einer Art, die sich weiter untergliedern läßt.

Der Gimpel (Pyrrhula pyrrhula) hat ein Verbreitungsgebiet, das weite Teile Europas und Asiens umschließt. Dieses verbreitungsgebiet liegt etwa zwischen dem 37. und 75. Breitengrad und damit über mehrere verschiedene Klimazonen. Aus vielen Untersuchungen weiß man, daß Vögel an Körpergröße zunehmen, wenn sie in Gebiete vordringen, die den Polen (zunehmend kälter werdendes Klima) näherliegen. Auch der Gimpel unterliegt diesem Wandel. Dies bedeutet, daß die iberische Form als die südlichste Form zugleich auch die kleinste ist. Verfolgt man nun die einzelnen Gebiete zwischen Spanien und Skandinavien, hat man alle 500 km bereits eine deutliche Größenzunahme zu verzeichnen, die ihren Höhepunkt an der nördlichsten Verbreitungsgrenze erreicht. Dies ist ein gutes Beispiel für einen Klin. Wo nun die Grenzen zwischen den einzelnen Formen - bei gänzlich fließender Merkmalsabwandlung - zu ziehen sind, bleibt alleine dem Betrachter oder dem Bearbeiter dieser Gruppe überlassen. Andere Formen lassen sich durch gänzlich abweichende Zeichnungsmuster abgrenzen. Diese aber bewohnen eine Insel. Durch die Lücke im Ver­breitungsgebiet können hier logischerweise keine Übergangsformen feststellbar sein. Dennoch, nicht nur die Inselformen, sondern auch die eurasischen Formen im geschlossenen Verbreitungsgebiet waren für einige Systematiker Grund genug, eine Vielzahl von Unterarten zu benennen, wobei die „Abgrenzung“ der klinalen Formen nur statistisch mög­lich ist und somit deutlich keine natürliche Arten-Untergliederung darstellt.

Wie kommt nun eine Benennung einer Unterart zustande? Sehen wir uns die Entwicklung des Begriffs der Unterart an.

Bereits Linnée kannte „Varietäten“ als Untereinheiten der Art. Er bezeichnete hiermit allerdings alle Abweichungen des „Typus“ einer Art. Ähnliche Sicht hatten auch Brehm (1787-1864) und Kleinschmidt (1870-1954), die z. B. jede abweichende Form als eigenständige Art beschrieben und ihr einen eigenen wissenschaftlichen Namen gaben. Hiervon künden auch heute noch die oft langen Synonymlisten in den Artenlisten. Die Folge war, daß oft von einem Fundort mehrere Artenbeschreibungen vorlagen.

Seit etwa 1890 befaßt man sich intensiver mit der Variabilität innerhalb einer Art, verknüpft den Begriff „Unterart“ oder Subspezies zwingend im Sinne der geographischen Vaiabilität, nicht dagegen mit dem Vorhandensein oder dem Fehlen von bestimmten Merkmalen. Genau dies macht die Erfaßbarkeit von ineinander übergehenden Unterarten fast unmöglich. Es grenzen nämlich eigentlich keine Unterarten aneinander, sondern vielmehr wandelt sich die Masse der Merkmale - unabhängig voneinander - z. B. von Ost nach West oder Süd nach Nord. Ist eine solche Merkmalsabwandlung mit geographischen oder klimatischen Merkmalen konform, spricht man von einer klinalen Abwandlung oder nur von einem Klin. Deutlicher ist das Vorkommen isolierter (Berggipfel, Inseln, etc.) Populationen. Hier kann man aufgrund von natürlichen Barrieren annehmen, daß ein totaler Genfluß nicht mehr stattfindet. Solche isolierten Populationen können nach langer Zeit Arteigenständigkeit erlangen.

Ist eine Art stark variabel und lassen sich abweichende Individuen gehäuft (75 %) in einem abzugrenzenden geographischen Bereich finden, berechtigt dies zum Aufstellen und Benennen einer eigenständigen Unterart. Im extremsten Fall könnte dies dazu führen, daß jede mehr oder weniger abweichende Population den Status einer eigenen Unterart bekommt. Dies aber führt zum Gegensatz dessen, was Systematik bezweckt: Die Formenvielfalt würde das Erkennen der gesamten Art ersticken.

Es ist übrigens nicht ausgeschlossen, daß sich Populationen in Gegenden, die niemals Verbindung zu einer solchen Gruppe erkennen ließen, ebenfalls Merkmale aus dieser Unterart zeigen. Daher möchte ich noch einmal deulich machen, daß die Unterart alleine durch die Herkunft, nicht durch ihre Merkmale bestimmt ist.

Wir sehen also, daß ein Vogel, als Individuum von uns betrachtet, fast nie eindeutig einer der beschriebenen Unterarten zuzuordnen ist. Diese Zuordnung wird durch die individuelle Variabilität erschwert, die teilweise über die Grenzen der Unterarten geht. Daraus dürfen wir nur schließen, daß die Bewertung der Wildformen (ob die Nichtdomestizierten Prachtfinken, Sittiche und Papageien oder die Einheimischen und Cardueliden) immer die Variabilitätsfrage mit einschließen muß und die Begutachtung losgelöst sein muß von dem Hang, alles in engste Kästchen zu zwängen. Auch unter der Berücksichtigung von Farbschwankungen und anderem lassen sich genügend bewertungsfähige Kriterien finden, um einen Sieger hervorzuheben.


Literatur

Claßen, H. (1980): Allegmeine Systematik und die
Systematik der Cardueliden    Kanarienfreund 33, S.66-67/101/130-131/167-168;

Hennig, W. (1982): Phylogenetische Systematik   Berlin und Hamburg

Mayr, E. (1975): Grundlagen der zoologischen Systematik • Hamburg und Berlin

Wolters, H. E. (1975-1982): Die Vogelarten der Erde Hamburg und Berlin;

Wolters, H. E. (1983): Die Vögel Europas im System der Vögel • Baden-Baden;

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