Farbenkanariengenetik

 

Einleitung

 Ernsthafte Rassenkunde und Rassenzucht setzen den Gebrauch genetischer Kenntnissse voraus, denn nur diese ermöglicht es, zielgerichtet zu züchten. Dies war auch denjenigen bekannt, die sich zu Anfang mit der Farbkanariengenetik beschäftigten. So versuchte bereits Duncker (Duncker, 1929), die Scheckung über Faktoren zu erfassen und zu benennen. Seine Vorleistungen mündeten in ein System, das Henniger 1962 (s. dort) der Züchterwelt aufbereitete.

Zu seiner Zeit war dies System abgeschlossen, denn alle bis dorthin bekannten Faktoren handelte Henniger in seinem Buch ab.

In den letzten 30 Jahren hat sich allerdings vieles bei den Kanarien getan. Seither sind vier neue Mutationen und zwei neue Varianten hinzugekommen.

Es wäre nun an der Zeit, diese neuen Formen in das System einzuarbeiten. Doch genau hier liegt die nächste Schwierigkeit. Das Verhalten der neuen Gene läßt sich nicht auf das bestehende System übertragen, weil unsere Vorfahren teilweise von falschen Voraussetzungen und Genetik-Verständnissen ausgingen. Die Genetik hat sich in den letzten 30 Jahren grundlegend gewandelt. Viele alte Ansichten mußten revidiert werden.

Deshalb soll dieser Bericht drei Funktionen erfüllen. Erstens muß unter der Berücksichtigung der heutigen Sichtweise in der Genetik ein neues System aufgestellt werden, zweitens müssen hierin alle alten Faktoren eingearbeitet und drittens die neuen Faktoren entsprechend benannt und bestimmt werden.

 

Was ist bisher bekannt und benannt?

Wenn wir uns die Farbkanarien-Genetik genau anschauen, können wir die Vielzahl der Formen auf wenige Faktoren reduzieren. Insgesamt sind es nur 17 Farbgene, die wir bislang beim Kanarienvogel kennen. Alle anderen Veränderungen des Äußeren beruhen nur auf der geschickten Kombination dieser 17 Gene. Es ergeben sich hieraus weit über 1.000 verschiedene Möglichkeiten, die in der überwiegenden Zahl sogar gut abgrenzbar zueinander und somit züchterisch interessant sind. Wir erhalten einen ganzen Fächer verschiedener Farben und Rassen, wie auch ein Blick in die Schauklassenaufteilungen und die Ausstellungskataloge der Meisterschaften bestätigt.

Diese einzelnen Faktoren oder Gene sind:

Fettfarbe Melanin u. a.   neue Farben
1.        gelb 7.        schwarz 13.    satinet
2.        dominant weiß 8.        braun 14.    phaeo
3.        rezessiv weiß 9.        Verdünnung 15.    eumo
4.        rot 10.    Pastell 16.    topas
5.        Ivoor 11.    Opal 17.    onyx
6.        Intensität    
12.    mosaik    

Zur Entstehung und zu deren Wirkungsweise werde ich hier nur immer soviel aussagen, wie es für das Verständnis des genetischen Systems notwendig ist. Die ausführlichen Erläuterungen werden in Kürze als Buch erscheinen.

Eine Variante werden Sie vielleicht vermissen, den Grauflügel, doch ist bekannt, daß es sich nicht um eine eigenständige Mutation handelt, sondern nur um eine gezielte Selektion beim pastellfaktorigen Schwarzvogel. 

Eine wichtige Anmerkung will ichh vorausschicken: Natürlich sind die Gene selbst bereits im Wildvogel vorhanden, bei unserem domestizierten Kanarienvogel werden sie erst durch bestimmte Kombinationen der Gene „erkannt“, bzw. in ihrem Ausmaß wahrgenommen. Diese Gene sind z. B. der Gelbfaktor und der Schwarzfaktor. 

Andere Gene sind vermutlich bereits ebenfalls im Wildvogel vorhanden gewesen, aber durch den Zerfall der hierarchischen Strukturen „selbständig“ geworden, wie bereits in einem früheren Artikel (Claßen, 1982, KFRD 35, S. 271 - 273) über Mosaik und Intensität erwähnt.

Diejenigen Gene, die die Gestalt und das Gefieder beeinflussen (Positurkanarien) lassen sich nicht so einfach erfassen. Viele Rassen verdanken ihre Entstehung der additiven Polygenie. Mehrere Gene wirken in dieselbe Richtung. Eine Benennung der einzelnen dort beteiligten Gene ist daher noch nicht erfolgt und in dieser Abhandlung ebenfalls nicht berücksicht.

 

Die Genetik nach Julius Henniger

Die Anfänge der Kanarienvogelgenetik gehen auf Testpaarungen von Dr. Hans Duncker (s. o.) zurück, der seine Ergebnisse in seinem Buch „Kurzgefaßte Vererbungslehre für Kleinvogelzüchter“ und in dem Aufsatz „Genetik der Kanarienvögel“ in den Zwanziger Jahren veröffentlichte

Zur fast gleichen Zeit befaßte sich auch Henniger mit den theoretischen Grundlagen der Vererbung der Kanarienfarben. Seine Kenntnisse faßte er in dem Werk „Farbenkanarien“ im Jahre 1962 zusammen. Hierin beschrieb und benannte er, in Anlehnung an die Duncker'schen Ausführungen, bereits die ersten 12 der obenstehenden Gene. Diese versuchte er auch, in sein System einzubauen

Was ist nun an Hennigers System, was wir heute nicht mehr brauchen können?

Henniger ging davon aus, daß ein Gen 2 Zustände kennt:

                                    vorhanden                  nicht vorhanden, bzw. inaktiv.

Daß diese Deutung nicht alle genetischen Sachverhalte trifft, ist erst seit etwa 1970 bekannt, weshalb Henniger die Genetik zu seiner Zeit nicht anders deuten konnte. Ebenso waren ihm die Begriffe Expressivität und Penetranz genauso unbekannt wie die Tatsache, daß nur die wenigsten Genpaare sich klassisch alternativ (das bedeutet: dominant zu rezessiv) verhalten.

Zu seiner Ehrenrettung sei gesagt, daß die Genetik wahrscheinlich diejenige Wissenschaft ist, die den rasantesten Fortschritt in den letzten 20 Jahren gemacht hat. Die Hochblütezeit begann in den Siebziger Jahren und teilweise erst in den Achtziger Jahren mit der Decodierung des Genetischen Codes. Heute ist es möglich, ganze Genstränge auf ihre Basensequenz zu bestimmen und demnach den genetischen Code aufzuschreiben. Es geht sogar noch weiter, heute kann man sogar Gensequenzen im Reagenzglas zusammenstellen. Doch all dies soll ebenfalls nicht unser Thema sein.

Aus heutiger Sicht sind einige Faktoren fehlgedeutet worden. So muß z. B. die Frage der Scheckung vermutlich ganz anders gesehen werden als Duncker und Henniger dies aufzeichneten.

Die Auswertungen eigener Versuche und die Aussagen vieler Züchter lassen vermuten, daß zwar mehrere Gene beteiligt sind, aber diese vermutlich in Form einer Hierarchie zusammen­gehören. Man kann sich etwa folgende Hypothese vorstellen:

1. Ein Hauptgen entscheidet, ob der Vogel voll gezeichnet, aufgehellt oder gescheckt ist;

2. Nebengene (vermutlich 2 bis 3) entscheiden über den Grad der Scheckung; Voraussetzung ist, daß das Hauptgen eine Scheckung zuläßt.

Die Sachlage wird erschwert, da das Ausmaß der Scheckung sicher variabel ist. Im Extremfall kann ein Aufgehellter genetisch den Scheckungsfaktor tragen, zugleich aber durch die Variabilität kein Melanin mehr zeigen. Eine solche Hypothese läßt m. E. auch als einzige das immerwiederkehrende Problem erklären, daß in „reinen“ Aufgehelltenstämmen regelmäßig Schecken auftreten. Diese Aufgehellten möchte ich daher als „verkappte“ Schecken ansehen, was dann natürlich die sichtbaren Schecken aufkommen läßt.

Henniger konnte auch noch nicht die wirkliche Arbeitsweise eines Genes kennen. Sie und die hierarchische Gestaltung des Genetischen Codes wurden erst nach seinem Werk aufgedeckt.

Aus diesen neuen Ergebnissen haben wir heute die Schwierigkeiten, daß wir ein fachlich fundiertes Genetisches System für den Kanarienvogel nicht einfach nur auf der Basis des Henniger'schen Modells ausbauen und aufbauen können. Wir sind gezwungen, ein neues System zu schaffen, das aber dennoch die alten Lehrinhalte wiedererkennen läßt.

 

Die genetische Schreibweise

Seitdem Genetik wissenschaftlich betrieben wird, hat es sich als zweckmäßig erwiesen, die Gene zu benennen. Hierbei werden Abkürzungen benutzt, die aus 1 bis 3 Buchstaben bestehen und mehr oder weniger die Wirkungsweise des Gens beschreiben. Der jeweilige Wildtyp wird mit einem hochgestellten Pluszeichen charakterisiert. 

Bereits hier beginnt die Abweichung der Henniger'schen Genetik zu der heute gültigen und gebräuchlichen Schreibweise.

An einem Beispiel möchte ich dies demonstrieren. Die Fettfarbe hängt unter anderem von der Fähigkeit zur Aufnahme der Carotinoide ab. Dieser Faktor wurde bereits von Henniger mit dem Symbol „K“ für „Karotin-Aufnahmefaktor“ belegt. Bei Henniger heißt es nun:

            k            Gen nicht vorhanden (= weiß)

            K            Gen vorhanden (= fettfarbig)

Die richtige Schreibweise würde nun lauten:

            Ca+             Wild-Allel (= fettfarbig)

            Cawr            mutiertes Allel, das die Fettfarbaufnahme verhindert.

Wir sehen bereits an diesem ersten Beispiel, daß es ziemlich leicht ist, die 12 von Henniger bereits zusammengestellten Gene neu darzustellen, was letztlich einer Umbenennung gleichkommt.

Bei unseren Verpaarungsmustern müssen wir nur wissen, daß sie von der allgemein üblichen abweicht, da wir Vogelzüchter zuerst das Männchen, dann erst das Webchen benennen (allgemein üblich: umgekehrte Reihenfolge). An diesem Muster soll aber nichts geändert werden.

Eine andere Sache ist die Namensgebung. Wie bereits mehrfach erwähnt, waren von den oben genannten Genen die ersten zwölf bereits durch Henniger oder Dr. Dunker bekannt und entsprechend benannt.

Nach international anerkannten Konventionen wird grundsätzlich die Erstbeschreibung zur Benennung eines Sachverhaltes, hier eines Gens, als die gültige angesehen. Leider hat sich dies in den Kreisen der Kanarienzüchter noch nicht ganz herumgesprochen. So werden die Mutanten, die nach Henniger erst auftraten, unterschiedlich benannt. Richtig wäre folgende Verfahrensweise:

Die Faktoren phaeo und satinet wurden bereits 1979 (Kanarienfreund 32, S. 467 - 468/581) für jeden nachvollziehbar mit Symbolen belegt. Hierbei wurden bewußt Buchstabenkombinationen ausgesucht, die einen Bezug zur Farbenentstehung und nicht zum Erscheinungsbild der Mutanten haben. Da es bislang keine anderslautende Veröffentlicht gibt, sollten auf die bereits bestehenden und einleuchtenden Symbole zurückgegriffen werden.

Ein anderer Mißstand in der Literatur ist, daß eine Variante eines Faktors ein eigenes Symbol erhalten hat. Wie bereits erwähnt, ist der Grauflügel nur eine durch Selektion aus der Melaninpastellreihe zu gewinnende Form, die hierdurch keine Eigenständigkeit beweist und somit nicht gesondert benannt werden darf.

 

Neue genetische Sachverhalte oder: Wie kann man die neuen Gene für satinet, eumo, phaeo, topas und onyx in ein Gesamtsystem einbauen?

Eindeutig geklärt ist mittlerweile die Lage bei topas. Wir haben erkannt, daß topas ein weiteres Allel zum bereits bekannten phaeo-Gen ist, demnach auf dem selben Genort sitzt. Hieraus müssen wir folgern, daß es keine Kombinationsmöglichkeit zwischen diesen beiden Mutanten gibt. Ein Kanarienvogel kann demnach bezogen auf diese beiden Mutanten nur folgende Genkombinationen tragen:

                        topas reinerbig

                        topas + phaeo (jeweils 1 Gen)

                        phaeo reinerbig

                        wildfarbig, spalterbig topas oder phaeo.

Über die phaenotypische Ausprägung ist hierbei noch nichts gesagt, wobei die Vögel aus der zweiten Möglichkeit eine Farbe zeigen, die zwischen topas und phaeo liegt. Wir haben hiermit den ersten gesicherten Fall, daß eine Reihe von Genen einen gestaffelten Erbgang aufweist und sich somit als Allelreihe zu erkennen gibt. Die Staffelung lautet: 

                        wildfarbig dominiert über topas und phaeo

                        topas und phaeo verhalten sich intermediär zueinander.

Etwas anders liegt der Fall bei satinet. Seit vielen Jahren wird immer wieder behauptet, es gäbe keine satinet-Kanarien in schwarz oder braun, sondern nur in den beiden verdünnten Melaninreihen. Weiter glaubt man, daß satinet ein weiteres Allel zum Verdünnungsfaktor ist. Dieser Meinung kann man sich nach dem heutigen Wissensstand anschließen, allerdings mit einer Einschränkung: Ist das Gen für satinet wirklich ein Allel zum Gen für die Melaninverdünnung, dann ersetzt satinet die Verdünnung. Die Folge ist, daß wir tatsächlich nur unverdünnte Satinetkanarien haben, also auch die Bezeichnung nicht isabell- und achat-satinet, sondern logisch richtig braun- und schwarz-satinet heißen muß.

 

Die richtige Benennung

Kommen wir nun zu den oben aufgeführten 17 Genen. Die internationalen Konventionen zur Benennung innerhalb der Genetik und die Tatsache, daß wir in der Zwischenzeit Allelreihen vorgefunden haben, zwingen uns, die Gene mit neuen Namen zu versehen. Eine Allelreihe wie nach alten Schulungsunterlagen „Ph > ph>  tp“ oder „S >  s >  sa“ sind nicht als Allelreihe zu erkennen. Diese Möglichkeit haben wir erst, wenn die Basis benannt ist und als hochgesetztes Zeichen der Zustand des Allels gekennzeichnet ist. Ich sehe es daher als eine Pflicht, die Bezeichnung der Gene neu zu ordnen, wenn der Gebrauch der Gen-Symbole auch zukünftig für den Züchter hilfreich und für den Preisrichter bindend sein soll.

Da wir als Kanarienzüchter nicht alleine mit der Genetik leben, kann auch nur ein sinngemäß richtiger Gebrauch der Fachausdrücke und Richtlinien eine interdisziplinäre Verständigung ermöglichen.

Ich stelle Ihnen nun die alten, m. E. unzureichenden Symbole den meinigen, neu durchdachten Symbolen gegenüber, wobei ich auf die bereits veröffentlichten Symbole bei phaeo und satinet zurückgreifen möchte:

       Farbbezeichnung

alte Symbole

       neue Symbole

Begriffserklärung

1.     

Intensität

I       i

gt+

gtI

 

Gefiedertextur

2.     

mosaik

U      u

fa+

fau

 

Fettfarbarealverteilung

3.     

schwarz

S      S

S

 

 

Synthese des Melanins

4.

braun

s       s

Sb

 

 

Synthese des Melanins bis zum braun

5.    

Verdünnung

D      d

D+

Dd

Deb

Dichte des Melanins

6.    

satinet

Eb    eb

D+

Dd

Deb

Dichte (satinet: Eumelanin braun)

7.     

pastell

Pm    pm

Ms+

Mspm

 

Melaninschleier

8.     

opal + onyx

Da    da

mv+

mvop

 mvox

Melaninverlagerung

9.    

eumo

--

em+

emes

 

Eumelanine (Eumelanine schwarz)

10.

phaeo

Pb    pb

Pb+

Pbpb

Pbtp

Phaeomelanin braun (phaeo)

11. 

topas

--

Pb+

Pbpb

Pbtp

Phaeomelanin braun (topas) 

12. 

Scheckung

AABBCC

Mv+

Mv sch

Mv a

Melaninverteilung (schecke; aufgehellt

13. 

dominant weiß

F      f

Fv+

Fvwd

 

Fettfarbverteilung (weiß)

14.

rezessiv weiß

K      k

Ca+

Cawr

 

Carotin-Aufnahmefaktor (weiß)

15. 

gelb

G      g

XsG

Xsg

 

Xanthophyllsynthese, gelb

16. 

rot

R      r

ksR

ksr

 

Kapuzenzeisigrotsynthese

17. 

Ivoor

Pl      pl

Sf+

Sfpl

 

Strukturfaktor

 

Die Umstellung kann m. E. ohne große Probleme erfolgen, da die Symbole bewußt Bezug zu den alten haben. Vor allem lassen sie den nötigen Spielraum, die zu erwartenden neuen Mutationen nach dem heutigen Stand der Genetik sinnvoll einzuordnen. 

 

Schluß

Zum Schluß wünsche ich mir, daß auch in unserem Hobbybereich die Gepflogenheiten der wissenschaftlichen Seite zum Allgemeingut werden und wir danach verfahren. Dies heißt allerdings, daß wir unsere Farbkanariengenetik neu beschreiben müssen, um den zukünftigen Generationen an Züchtern und Preisrichtern eine wissenschaftlich einwandfreie Genetik an die Hand zu geben.

In Kürze wird auch ein umfassendes Werk zu diesem Thema erscheinen.

Literatur:

Bresch, C., Hausmann, R. (1972): Klassische und molekulare Genetik • Berlin Heidelberg 

Duncker, H. (1929): Kurzgefaßte Vererbungslehre für Kleinvogel-Züchter    Leipzig

Günther, E. (1991): Lehrbuch der Genetik • Jena

Henniger, J. (1962): Farbenkanarien         Maximiliansau

Kühn, A. (1973): Grundriß der Vererbungslehre      Heidelberg

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