Das Farbenspiel der Positurkanarien
oder
Populationsgenetik für den Kanarienzüchter

 

Einleitung

In der letzten Zeit gibt es vermehrt wieder Diskussionen um den Begriff und den Stellenwert der Farbe bei Positurkanarien, wobei ich bewusst nur auf die englischen Rassen eingehen möchte, die sich durch eine besondere und vergrößerte Federtextur von den Farbenkanarien abheben. Hierhin gehören der Gloster, der Crested, der Norwich, der Border, der Fife, der Lancashire und der Yorkshire.

Bereits in meinem Artikel über den Fife habe ich angedeutet, dass der Begriff „Farbe“ im Ursprungsland deutlich anders mit Inhalten besetzt ist als bei uns. Daraus ergeben sich auch die immer wieder festgestellten Abweichungen in der Auffassung über Rassen wie diese.

Natürlich sind einige der Probleme auch aus unserem Schauklassensystem zu erklären. So kennt man ja in England nicht die Kollektion für eine Bewertungsschau.

  

Was Farbe bedeuten kann

Seit mehr als 15 Jahren wissen wir, dass die einzelnen Farben wie Aufgehellte, Schecken und die verschiedenen Melaninrassen starken Einfluss auf die Textur der einzelnen Feder haben. Zwar gibt es übergreifend Grundstrukturen wie hart- oder weichfiedrig um nur ein Paar zu nennen, aber man kann z. B. die weiche Melaninfeder nicht unbedingt gleichsetzen mit der weichen Aufgehellten-Feder. Hinzu kommt, dass gerade der Braunfaktor seine unbestreitbar ‚aufweichende‘ Wirkung auf das Federwerk hat. Sogar die bereits verdeckte Anwesenheit, wie im Falle für Braun beim Männchen, hinterlässt schon erkennbare Spuren.

 

Für die praktizierende Positurkanarienzucht bedeutet dies, dass wir gut daran tun, möglichst diese genannte und erlaubte Vielfalt der Gefiederfarben in unserem Zuchtstamm zu erhalten.

Wenn wir einmal vergleichend die verschiedenen Kanarienrassen betrachten, so fällt auf, dass die Farbenkanarien – nach Melaninkanarien und Aufgehellten getrennt – doch eine enorm große Population darstellen, diese Populationsgröße aber bei anderen Rassen auf eine winzige Menge begrenzt ist. Entsprechend ist die Gefahr von genetischer Einengung klar an die Anzahl der einzelnen Rassevertreter gekoppelt, die überhaupt für den Erhalt der Rasse in Frage kommen. Denn nicht alle Individuen einer Rasse können am Weiterbestand der Rasse Anteil haben. Zuvor muss nach den verschiedenen Rassekriterien geprüft werden, ob nicht sogar ein einzelnes Tier dem Rassestandard stark entgegenläuft.

 

Seit Jahren besuche ich in England und Irland die Topzüchter, allen voran bei Yorkshire und habe erkannt, dass eine langjährig beständige Zucht – ohne permanentes Zukaufen – nur funktioniert, wenn der Züchter mit allen zur Verfügung stehenden Farbenvarianten vorausschauend arbeitet. Man gewinnt fast den Eindruck, dass solche Züchter mit Farben ‚spielen‘. Es finden sich reine Melaninvögel in schwarz und braun, sehr helle, sehr dunkle Schecken, sowie Aufgehellte. Nur die weit fortgeschrittenen Züchter führen auch eine gesonderte Linie mit Weiß, aber dazu kommen wir noch später.

Und das ist bereits der gravierende Unterschied zu der überwiegenden Zahl der Züchter in Deutschland. Wir sind seit einigen Jahren mehr oder weniger gezwungen, möglichst viele einheitlich gefärbte Vögel zu züchten, sonst haben wir keine Chance, eine Kollektion zusammenstellen zu können.

Das führt aber nach meinen Erfahrungen dazu, dass wir entweder permanent ‚auffrischen‘ müssen oder aber dass die Zucht innerhalb weniger Jahre an den Abgrund gefahren wird. Dies wurde auch schon von Züchtern eingestanden.

Worin liegt nun der Wert der ‚Viel-Farbenzucht‘? Ganz klar dort, wo ich oben schon angedeutet habe, im Ausgleich der unterschiedlichen Federtexturen.

Sicher ist die Federtextur im Zusammenhang zu sehen mit einer langen oder kurzen, schmalen oder breiten, offenen oder geschlossenen Feder, einem Federwerk mit viel oder mit wenig Dunenanteil, um nur einige Parameter zu benennen. Hier lassen sich natürlich auch Unterschiede innerhalb gleich gefärbter Federn ausmachen, die es bei den Verpaarungen zu berücksichtigen gilt.

Aber es kommt halt auch die Unterschiedlichkeit zwischen der aufgehellten und der grünen oder braunen Feder hinzu. Und damit haben wir schon einmal ein Instrument in der Hand, federqualitätsbetont die erste Ausgleichspaarung vorzunehmen, die die rassetypischen Federtexturen nicht nur erhält, sondern eventuell sogar noch verbessert. Und wie schon mehrfach betont, darin sind uns unsere Züchterfreunde von den Inseln weit voraus.

  

Intensität

Vielfach haben unsere deutschen Züchterkollegen Probleme bei der Zuordnung der Intensität. Das lange und ausladende Federwerk verhält sich halt anders als beim Farbenkanarienvogel, deshalb ist die dort problemlose Unterteilung beim Positurkanarienvogel nicht immer möglich.

Da auch kein Selektionsdruck auf die konträre Ausprägung der beiden Intensitäten besteht, haben wir natürlich bei Positurkanarien auch die vielen Abstufungen von Intensiv und Schimmel, wie in den oben genannten Rassen zu erkennen. Dafür eröffnet sich uns die Möglichkeit, unter anderem auch über die Ausprägung von Intensiv- und Schimmelfeder einen Anhalt für die Geschlechter-Erkennung zu erhalten.

Weibchen von Positurkanarien haben immer einen höheren Schimmelanteil als Männchen, und intensive Weibchen haben immer einen leichten Schimmelanflug, und wenn es nur im Nacken ist.

Wenn man nun solche intensiven Weibchen aufgrund des minimalen Schimmelanteils nicht als Intensive anerkennt, läuft in meinen Augen etwas falsch. Zum einen gibt es diese ultraintensiven Weibchen bei den englischen Rassen nicht, und zum anderen führen wir eventuelle Neulinge in die Irre, weil diese dann meinen, solche Weibchen mit intensiven Männchen verpaaren zu müssen. Deshalb versuche ich auch als Preisrichter immer, in den wenigen Zweifelsfällen aus der genetischen Veranlagung eine Zuordnung vorzunehmen. Und diese ist mit etwas Detailwissen um die genannten Rassen ohne Schwierigkeiten zu lösen. Es dürfte kein Problem sein, einen nicht-intensiven Vogel mit geringem Schimmelanteil von einem Intensivvogel mit ‚Schimmelanflug‘ zu unterscheiden, denn letzterer hat insgesamt ein ‚feineres‘ Erscheinungsbild. Schließlich ist die Intensität ja bei keiner der genannten Rassen ein Bewertungskriterium.

 

Der Bewertungspunkt „Farbe“

Nun gibt es trotz allem auch Rassen, die eine eigene Bewertungsrubrik für die Farbe haben. Dazu gehört auch der Fife und der Border. Beim Norwich und beim Yorkshire wird die Farbe mit vollkommen farbunabhängigen Kriterien in einer einzigen Rubrik zusammen bewertet. Bei den beiden letztgenannten handelt es sich zudem um Rassen, die in England obligatorisch farbgefüttert werden, deshalb sollen sie separat besprochen werden.

Es ist inzwischen oft angemerkt worden, dass wir vor etwa 20 Jahren durch falsche Übersetzungen zu einer vollkommenen Fehleinschätzung des Merkmals Farbe bei Border und Fife kamen. Zur damaligen Zeit waren auch Vögel mit Scheckungen nicht ausstellbar. Zum Glück aber sind seit langem auch die Schecken wieder zugelassen, wie es im Mutterland immer üblich war.

Was soll also bei Border und Fife in dieser Rubrik gewertet werden?

In meinem Bericht über den Fife hatte ich dies schon angesprochen. Von den ‚Puristen‘ wird jegliche farbunterstützende Fütterung abgelehnt, was über das drüben reichlich gegebene Grünfutter hinausgeht. Sogar die Spirulina wird als nicht erwünschte Fütterung angesehen, was ich selbst nun für leicht übertrieben halte. Die Züchter der Insel betonen, dass ihre Vögel alleine aufgrund der Zuchtauslese einen hohen Farbwert erhalten.

Und tatsächlich kann man einen beträchtlichen Unterschied erkennen. Um nun nicht mit der Bedeutung des Wortes ‚Intensität‘ in Konflikt zu geraten – schließlich ist dieser Begriff bereits besetzt – möchte ich von einer „Farbdurchtränkung“ sprechen. Denn auch der Begriff „Leuchtkraft“ sagt nicht das aus, was Border und Fife zeigen. Vögel von der Insel, dies schließt auch die Zuchten ein, die sehr eng mit englischen Züchtern kooperieren, zeigen genau diese stärkere Farbdurchtränkung sehr gut. Selbst Schimmelvögel sind kräftig gefärbt.

Mit dieser stärkeren Farbdurchtränkung einher geht auch eine besondere Federqualität. Wiederum möchte ich hier auf den Unterschied zwischen den Begriffen „Feder“ und „Gefieder“ aufmerksam machen, der in unserem alltäglichen Sprachgebrauch leider immer wieder vermischt wird.

  

Die Frage nach der Farbfütterung

Im Ursprungsland werden der Norwich und der Yorkshire farbgefüttert, so dass ein ‚warmer‘ Orangefarbton entsteht. Aus der Historie könnte man schließen, dass dies unter anderem auch wegen der Abgrenzung beider Rassen zu recht ähnlichen Rassen (Norwich – Cresbred; Yorkshire – Lancashire) gemacht wurde, doch ist dies sicher nicht der wichtigste Grund. Vielmehr gibt die Farbaufwertung der genetisch gelben Vögel ein sehr gutes Instrument an die Hand, um die Feinheiten im Unterschied der Federtexturen besser und genauer erkennen zu können.

Somit kann man die Position ‚Farbe‘ bei Norwich und Yorkshire als Hilfsmittel für die geforderte Federqualität ansehen. Auf keinen Fall aber ist die Farbe in den engen Toleranzen wie beim Farbenkanarienvogel zu betrachten.

Dies gilt insbesondere für die Gleichmäßigkeit der Fettfarben. Hierzu hat unser heutiger Präsident und damaliger Preisrichtervorsitzender Klaus Weber den Handlungsspielraum deutlich definiert. Groß- und Kleingefieder müssen nicht unbedingt gleicher Grundfarbe sein.

Speziell auf der Insel werden Yorkshire erst farbgefüttert, wenn sie selbständig sind. Zu diesem Zeitpunkt ist das Großgefieder aber bereits ausgebildet und kann keine Farbe mehr aufnehmen. Der tiefere Sinn liegt im Schauklassensystem der Spezialclubs. Wenn ich oben schrieb, dass Yorkshire obligatorisch farbgefüttert werden, so ist dies nur ein Teil der Aussage. Weißgrundige werden z. B. nie farbgefüttert. Und zusätzlich gibt es bei den Yorkshire-Spezialclubs die Klassen der ‚non fed green‘. Das sind (fast) rein grüne Vögel, die nur in begrenztem Umfang melaninlose Federn haben dürfen. Weil diese Tiere eben auch kein orangefarbenes Großgefieder haben dürfen, fängt man mit der Farbfütterung zu diesem späteren Zeitpunkt an, an dem man diese grünen sicher erkennt.

Außerdem ist dies auf den englischen Schauen ein gutes Hilfsmittel, um die jungen von den alten unterscheiden zu können, denn dort gibt es – im Gegensatz zu hier – sehr gut bestückte Altvogelklassen.

Betrachten wir nun beim Yorkshire die gesamte Bewertungsposition, in der die Farbe mitbewertet werden soll, so gehört nach der Original-Bewertungsskala hierhin auch noch die Gesundheit des Vogels (Kondition) und die Unversehrtheit des Gefieders. Und dies sind zwei Kriterien, die sicher wichtiger sind als die Einheitlichkeit der Farbe. Damit dürfte nun jedem klar sein, dass man selbst bei ungleicher Körperfarbe nicht mehr als einen Punkt abziehen darf, um die Gewichtung zwischen den drei genannten Kriterien nicht aus der Balance zu bringen.

Der Norwich hingegen hat in der Original-Skala eine eigene Position für die Farbe. Deshalb ist auf die Gleichheit und Farbtiefe auch stärker zu achten als beim Yorkshire.

Dennoch darf in keinem der aufgeführten Fälle die Farbe das entscheidende Kriterium sein. Beide Rassen sind zuallererst und in starker Gewichtung über ihren rasseeigenen Typ, oder genau gesagt Form und Haltung qualitativ zu betrachten.

Ob nun generell Yorkshire und Norwich farbgefüttert werden, möchte ich dem einzelnen Züchter überlassen. Auch ich habe lange Zeit gezögert. Heute jedoch erkenne ich den Wert, wie ich oben bereits anführte, aufgrund der Farbfütterung die Federtexturen und auch die Geschlechter leichter unterscheiden zu können.

Wichtig ist allerdings, dass – unabhängig in welcher Gesamtmenge man Carotine beimischt – man für die Positurkanarien die als ‚orange‘ bezeichnete Mischung von gelben und roten Pigmenten verwendet und dass man während der gesamten Mauserperiode eine gleichbleibende Mischung ansetzt. Der Einsatz des ‚orange‘ verhindert das, was im englischen als ‚burning effect‘ bezeichnet wird. Und tatsächlich sehen solche Federn wie leicht angesengt aus, wenn reines Cantaxanthin (=roter Farbstoff) dem Futter beigemengt wurde. Das Carotinal (=gelber Farbstoff) tritt anscheinend mit dem Cantaxanthin in Konkurrenz bei der Aufnahme und mildert so die Härte der Rotfarbe.

 

Schlussfolgerung

Die Betrachtung der Farbe bei englischen Positurkanarien muss auf vollkommen anders gelagerten Grundlagen basieren als die Betrachtung der Farbe bei Farbenkanarien. Bei letzteren ist Farbe ein bzw. das Bewertungskriterium und somit für die Qualität maßgebend. Bei Positurkanarien ist Farbe in ihrer Gesamtheit und Vielfältigkeit kein Bewertungskriterium und deshalb auch nicht für eine Qualitätsaussage dieser Rassen geeignet.

Farbe vielmehr ist ein züchterisches Hilfsmittel, einen Zuchtstamm auf einen langen Zeitraum in sich zu festigen und die Federqualität rassetypisch zu erhalten und verbessern. In der Zucht-Planung, also der möglichen Verpaarung kann ich deshalb nur dringend zur Verwendung von allen zugelassenen Farbvarianten raten. Ausdrücklich bewerte ich den Einsatz von Schecken aller Aufhellungsgrade als unverzichtbar. Genauso ist die planvolle und mäßige Verwendung von braunen Vögeln unumgänglich.

Auf keinen Fall darf die Farbe ein Kriterium für die Paarzusammenstellung sein, mit Ausnahme natürlich der Intensität und des Weißfaktors, aber dies versteht sich ja von selbst. Gemeint ist die Ausrichtung einer Zucht nur auf Melaninvögel oder nur auf Aufgehellte. Solche Zuchten werden über kurz oder lang nicht eigenständig bestehen oder aber gewaltig in den rassespezifischen Merkmalen zum Schlechten abweichen. Hierzu gibt es eine Reihe von Beispielen, vielleicht ist auch der Lancashire unter diesem Aspekt neu zu betrachten.

Bislang aber war das Ausstellen von Positurkanarien in Kollektionen nur möglich, wenn die vier Vögel einer Kollektion eng gefassten Kriterien im Bereich der Farbe entsprachen. Dies verleitet die meisten Züchter dazu, die Farbe als fast das wichtigste Merkmal in der eigenen Zucht anzusehen. Auch wenn ich die Folgen aus diesem Handeln schon mehrfach aufzeigte, will ich an dieser Stelle noch einmal verdeutlichen, dass ich dies für falsch halte.

Farbe ist und bleibt eines der nebensächlichsten Merkmale bei den englischen Positurkanarien und muss es auch bleiben. Nur mit den Kriterien zur Anerkennung als Kollektion haben wir sie zu einem Eingangsmerkmal gemacht. Und das kann und darf es nicht sein. Vor allem nicht, wenn wie oben versucht wurde darzulegen, die Farbenvielfalt bei diesen Rassen quasi rassenerhaltend ist.

Wir sollten vielmehr darauf achten, dass unsere englischen Positurkanarien in ihren jeweiligen Rassekriterien zur Spitze geführt werden. Sonst haben wir eines Tages Farbenkanarien in (annähernder) Yorkshire-Form oder borderähnlicher Form, und damit wäre die Existenz dieser Rassen bei uns ausgelöscht.